Geschichte der Optik

Die Geschichte der optischen Industrie in Deutschland ist eng mit der Geschichte der Familie Duncker aus Rathenow verbunden.

Im Wesentlichen haben drei Angehörige dieser Familie, Johann Heinrich August Duncker, sein Sohn Eduard Duncker und später dessen Neffe Emil Busch, die Anfänge der optischen Industrie in Rathenow und ganz Deutschland mit geprägt. Der Begründer der optischen Tradition war der Prediger der Sankt-Marien-Andreas-Kirche, Johann Heinrich August Duncker (geb. 14.1.1767 – 14.6.1843).

Nach dem Studium übernahm er ein Amt an der Kirche in Rathenow.
Teils aus Liebhaberei, teils um sich einen Nebenverdienst zu verschaffen, entschloss sich Duncker, seine in Halle erworbenen Kenntnisse auf dem Gebiet der Optik praktisch umzusetzen.
Da Duncker als Prediger nicht ohne weiteres ein Gewerbe betreiben durfte, musste er beim preußischen König Friedrich Wilhelm III. um eine Genehmigung bitten.

Am 10.3.1801 erhielt er das königliche Privileg zur Betreibung einer optischen Industrieanstalt. Am gleichen Tag wurde auch die von ihm konstruierte Vielschleifmaschine patentiert.
Sie lieferte gleichmäßig geschliffene Gläser für Lupen, Mikroskope und Brillen. Seine ersten Arbeiter waren invalide Soldaten und Waisenkinder, die so ihren Lebensunterhalt verdienten.
Die Produktionsräume befanden sich auf dem Boden seines Geburtshauses, dem Pfarrhaus am Kirchplatz 12.
Unterstützt wurde Duncker von seinem Teilhaber und Hauptfinanzier, dem Rathenower Garnison- und Feldprediger, Samuel Christoph Wagener. Duncker leitete die technische Fertigung, Wagener war für den Verkauf zuständig.
Bis zum Krieg 1806/1807 entwickelte sich das Unternehmen kontinuierlich, Filialen in mehreren Städten Deutschlands wurden eröffnet, der erste Katalog erschien 1803.
Nach den wirtschaftlich schweren Jahren von 1806-1815 vergrößerte sich das Unternehmen so, dass neue Betriebsräume in den sogenannten "Prediger-Witwenhäuser", Kirchgang 4-5 gemietet wurden.

Sein Sohn Eduard (1797-1878) übernahm 1820 die Leitung der Optischen Anstalt. Dessen Fähigkeiten lagen besonders auf dem kaufmännischen Gebiet. Unter seiner Leitung wurde das Produktionssortiment erweitert und der Vertrieb ausgebaut. Nach mehreren Umzügen erhielt die Firma mit dem Kauf des Eckhauses Nr. 5 in der Berliner Straße am 4.10.1834 ihren entgültigen Sitz. Die ständige Steigerung der Produktion und der damit verbundene Platzmangel führten dazu, dass Eduard Duncker seinen Arbeitern Maschinen zur Verfügung stellte, damit diese zu Hause produzieren konnten. Es entwickelten sich die für Rathenow typischen "Waschküchenbetriebe".
Nach 26 jähriger Leitung übergab Eduard Duncker am l. April 1845 die Optische Industrie Anstalt an seinen Neffen Emil Busch (1820-1888), der bereits seit 1840 im Unternehmen tätig war.
Unter seiner Leitung wurde aus dem mittleren Unternehmen ein fabrikmäßiger Großbetrieb.

Im Jahre 1896 gab es in Rathenow 163 optische Betriebe. Schon zur damaligen Zeit hatte sich Rathenow den Ruf als "Stadt der Optik" erworben. Zur zweitgrößten und bekanntesten Firma, insbesondere auf dem Gebiet der Brillenglasfertigung, entwickelte sich das Unternehmen "Nitsche & Günther".
Der 1. Weltkrieg und die darauffolgende Weltwirtschaftskrise hemmte die weitere Entwicklung in der optischen Industrie. Absatzgebiete gingen verloren, Teile der Belegschaften wurden eingezogen. Die Kontakte zu den ausländischen Partnern wurden erschwert. Produziert wurde hauptsächlich für den Heeresbedarf.

In der Nachkriegszeit führte die Geldentwertung zu umfangreichen Einschränkungen, Entlassungen und Konkursen in der optischen Industrie.
Trotzdem gab es 1930 über 200 optische Betriebe in der Stadt.

Während des 2. Weltkrieges waren die beiden Großbetriebe der Stadt vollständig in die Rüstungsproduktion einbezogen. Die zivile Produktion wurde durch behördliche Anordnung stark eingeschränkt.

Nach dem 2. Weltkrieg wurden auch die großen und mittleren Betriebe der optischen Industrie in Rathenow enteignet, einige Firmen verließen Rathenow. Aus dem im November 1945 enteigneten Unternehmen Nitsche & Günther gründete sich im März 1946 der Betrieb "Rathenower optische Werke mbH". Am l. Juli 1948 wurde daraus, unter Einbeziehung der Emil Busch AG, der Volkseigene Betrieb Rathenower Optische Werke (VEB ROW). Ende 1950 waren dort 1856 Arbeiter beschäftigt. 1966 wurde der Betrieb dem Kombinat Carl-Zeiss-Jena unterstellt. Neben diesem Großbetrieb konnten bis 1958 die verbliebenen privaten Firmen weiter produzieren. Die Planwirtschaft der DDR verlangte aber nach einer Konzentration der vielen kleinen Betriebe. Im März 1958 schlossen sich zunächst 45 von 72 noch vorhandenen Optikfirmen zur PGH „J.H.A. Duncker„ zusammen.

Ab 1972 wurde die Produktionsgenossenschaft des Handwerks als volkseigener Betrieb eingestuft.

Aus dem Zusammenschluss der beiden großen optischen Betriebe entstand 1980 der VEB Rathenower Optische Werke "Hermann Duncker". Bis 1989 war dieser Betrieb mit ca. 4420 Mitarbeitern alleiniger Hersteller von Brillen in der DDR.

Quelle:
www.rathenow.de